Briefroman: Adressat unbekannt

Deutsch­land um das Jahr 1933: Ange­legt als Brief­wech­sel zwischen einem Deut­schen und einem ameri­ka­ni­schen Juden um die Zeit von Hitlers Macht­er­grei­fung ist „Adres­sat unbe­kannt“ die drama­ti­sche Geschichte einer Freund­schaft, die von der poli­ti­schen Entwick­lung auf die Probe gestellt wird. Der Deut­sche ein Oppor­tu­nist und Nutz­nie­ßer des Systems, der Jude sein alter Freund, dessen Schwes­ter sich in Berlin aufhält und um deren Schutz er den Deut­schen bittet - das ist die Konstel­la­tion des sich schnell zuspit­zen­den Dramas dieses hell­sich­ti­gen Textes, der bereits 1938 im New Yorker „Story Maga­zine“ erst­mals veröf­fent­licht wurde.

Zwischen Oppor­tu­nis­mus und Über­zeu­gung
Durch die Kunst­form des Brief­ro­mans kann sich die Geschichte in rasan­tem Tempo fort­be­we­gen und davon erzäh­len, wie sich die Stim­mung und Geis­tes­hal­tung in Deutsch­land in dieser Zeit verän­derte. Mit großem Gespür für die Absur­di­tät und die Verlo­gen­heit des Systems und seines Gedan­ken­guts zeich­net die ameri­ka­ni­sche Auto­rin Kathe­rin Kress­mann Taylor den Deut­schen Martin, der sich zuneh­mend damit iden­ti­fi­ziert, obwohl er keines­wegs zu denen gehört, die nichts zu verlie­ren haben.

„Nie mehr Drama auf so wenig Seiten“
Der knapp 60 Seiten lange Text wurde Ende der 1990er Jahre wieder­ent­deckt und danach auch zu einem Best­sel­ler in Deutsch­land und Frank­reich. Der kurze Roman ist auch heute erschre­ckend aktu­ell. Ihm wird einhel­lig ein meis­ter­haf­ter Span­nungs­auf­bau ohne ein Wort zu viel oder zu wenig attes­tiert. „Ich habe nie auf weni­ger Seiten ein größe­res Drama gele­sen. Diese Geschichte ist meis­ter­haft“, schreibt Elke Heiden­reich im Nach­wort der deut­schen Ausgabe.

Mit den Waffen des Systems
Erin­nert hat mich das über­ra­schende Ende auch an John Boynes viele Jahr­zehnte später geschrie­be­nen Roman „Der Junge im gestreif­ten Pyjama“, in dem sich der Sohn eines KZ-Kommandanten heim­lich mit einem Jungen aus dem Lager befreun­det und voller kind­li­cher Naivi­tät und Spaß am Verklei­dungs­spiel eines Tages seinem Freund durch den Zaun ins Lager folgt, um nie wieder daraus aufzu­tau­chen. Einzig schlägt hier das Schick­sal ironisch zu – in „Adres­sat unbe­kannt“ rächt sich der jüdi­sche Freund aktiv und bewusst und führt das System inner­halb seiner eige­nen Spiel­re­geln ad absur­dum. Kress­mann Taylor, Adres­sat unbe­kannt, Hoff­mann und Campe, 8. Auflage 2014
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