Von Macchiavelli und coolen Eltern

Wenn man Kinder hat, muss man Ratge­ber lesen. Und kriegt sie regel­mä­ßig geschenkt. Letz­tens habe ich von meinem “To-Read”-Stapel Suzanne Evans’ “Macchia­velli for Moms” gegrif­fen. Kurz gefasst beschreibt die ameri­ka­ni­sche Auto­rin als Ergeb­nis ihres Selbst­ver­such, wie man Kinder à la Macchia­velli dazu bringt, zu tun, was man will, während sie glau­ben, es selbst oder zumin­dest mit bestimmt zu haben.

Mani­pu­lie­ren für den Frie­den
Evans’ Erzie­hungs­tipps haben etwas. Und sie wirken bestimmt: Gren­zen setzen, Konse­quen­zen gemein­sam fest­le­gen, ange­drohte Konse­quen­zen auch durch­set­zen, den Frei­heits­wil­len der Kinder/Bürger wahr­neh­men und einbe­zie­hen, sie zu ihrem Besten lenken - das alles hat einen wahren Kern und führt sicher zu einem fried­li­che­ren Zusam­men­le­ben in der Familie/Staat, von dem alle profi­tie­ren. Ich fand das Buch der berufs­tä­ti­gen Patchwork-Mutter von vier Kindern ein biss­chen gewollt, aber biogra­fisch sehr inter­es­sant, manch­mal sogar bewe­gend, etwa wenn die Auto­rin von ihrer zunächst zutiefst ableh­nen­den Reak­tion auf ihre Toch­ter erzählt, bei deren Geburt sich heraus­stellte, dass sie ein Down­syn­drom hat.

Yippie, die Kinder werden groß!
Aber als ich das Buch dann zuklappte, dachte ich vor allem: Yippie, ich bin aus den Windeln raus. Ich muss keine Vier­jäh­rige mehr panisch im Schwimm­bad suchen, keine Kämpfe um Bauklötz­chen mode­rie­ren und Grund­re­geln wie “Bitte” und “Danke” nur noch selten durch­set­zen. Es gibt Probleme, die sind bald nicht mehr meine. Und vor allem: Hoffent­lich sind die Kinder bald groß genug, dass ich sie nicht mehr zu ihrem Besten und um meiner Nerven willen mani­pu­lie­ren und lenken muss. Und Doppel-Yippie, ich kriege mitt­ler­weile Bücher geschenkt wie “Coole Eltern leben länger” von Wladi­mir Kami­ner, Berli­ner Russendisko-Macher, Kolum­nist und Teenager-Vater.

“Erzie­hen nur im Notfall“
Zwar musste ich warten, bis mein 12-Jähriger es verschlun­gen hatte, der solche Bücher immer gerne auch gele­sen hat, sei es auch nur, um sich gegen mütter­li­che macchia­vel­lis­ti­sche Takti­ken zu wapp­nen. Kami­ner schreibt mit gewohnt trocke­nem und tref­fen­dem Humor, dies­mal über das Leben mit Heran­wach­sen­den und die Absur­di­tä­ten des deut­schen Schul­all­tags, dass einem die Tränen vor Lachen kommen. Als Teen­ager­el­tern kommen Themen auf uns zu wie Whats­App, Null Bock auf Sonn­tags­spa­zier­gang, Null Bock auf Schule, Null Bock auf Eltern, Bock auf Alko­hol und Handy-Daddeln bis zum Umfal­lenl und erste Liebe - kurz wir kommen in die Puber­tät. Und natür­lich ist das russi­sche Sprich­wor­t­äqui­va­lent von “Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß”, das laut Kami­ner heißt “Wer wenig weiß, kann länger schla­fen”, nicht auf jede Folge dieses Abgren­zungs­pro­zes­ses anzu­wen­den. Aber Sätze wie “Wir selbst erzie­hen wenig, nur im Notfall.” klin­gen herrlich.

Nach der Party ist vor der Party
Wenn man sich selbst nur dazu durch­rin­gen könnte. Und dazu, zu akzep­tie­ren, dass Kinder ab einem bestimm­ten Alter aufbre­chen in dem Wunsch, “viel­leicht inter­es­san­tere Menschen als die Eltern kennen zu lernen.” Deswe­gen muss man viel­leicht wirk­lich mal einfach weg sein und darauf vertrauen, dass nach der Party die Wohnung (irgend­wie) schon wieder aufge­räumt sein wird und die Katzen dafür verant­wort­lich sind, dass der Wodka­pe­gel in der Flasche ein wenig gesun­ken ist.
Ein biss­chen Wider­stand muss man dem Nach­wuchs aller­dings schon aus eige­nem Inter­esse bieten - nicht dass er aus Protest noch zum FDP-Wähler mit gelben Pullun­der wird.  Was auch immer die Kinder werden, es wird nicht nur an uns liegen. Und viel­leicht is es wich­ti­ger, sich darum zu kümmern, was wir werden, wenn wir nun schon mal aus den Windeln raus sind. Vermut­lich nicht die schlech­teste, weil auch nerven­scho­nende Entwick­lungs­rich­tung: Cooler werden, länger schla­fen, mehr Kami­ner lesen. Zurück zum Blog