Großvater hätte mich erschossen

Vom Cover blickt dem Leser eine attrak­tive, selbst­be­wusste Frau entge­gen, die Barack Obamas Toch­ter sein könnte. Der Vater Afri­ka­ner, die Mutter die Toch­ter von Amon Göth, dem KZ-Kommandanten, der durch Steven Spiel­bergs Film „Schind­lers Liste“ welt­weit bekannt wurde: Als Jenni­fer Teege mit 38 Jahren per Zufall erfuhr, dass sie die Enke­lin eines Psycho­pa­ten und Massen­mör­ders war, stürzte sie das in eine tiefe Krise, die sie nur durch eine Reise in die Vergan­gen­heit über­win­den konnte. In „Amon. Mein Groß­va­ter hätte mich erschos­sen“ erzählt sie ihre Geschichte.

Die Iden­ti­täts­krise
Eine Frau, Mutter von zwei Söhnen, als Kind adop­tiert, ohne Kontakt zu ihrer echten Mutter, erfährt mit Mitte 30, dass sie die Enkel­toch­ter eines der grau­sams­ten KZ-Kommandanten der Nazi­zeit ist. Sie bricht zusam­men und begibt sich auf die Suche nach ihrer Fami­li­en­ge­schichte. Abwech­selnd in Ich-Form und Abschnit­ten in der drit­ten Person geschrie­ben, entsteht das Bild einer Frau, die um ihre Iden­ti­tät, ihre Fami­li­en­zu­ge­hö­rig­keit, das Verhält­nis zu ihren jüdi­schen Freun­den ringt.

Die Enkel­ge­ne­ra­tion
Jenni­fer Teege stellt sich nicht nur die Frage, was dieser Groß­va­ter für sie und ihre Iden­ti­tät bedeu­tet, sondern beschäf­tigt sich gene­rell mit der Rolle der Enkel­ge­ne­ra­tion, die im Gegen­satz zur Gene­ra­tion ihrer Eltern nicht mit dem Verschwei­gen aufge­wach­sen sind, sondern einem schein­ba­ren Wissen, das aber oft vor der konkre­ten eige­nen Fami­li­en­ge­schichte halt macht.

Der Groß­va­ter
Die Recher­cher­ei­sen an die Orte ihrer Fami­li­en­ge­schichte führen Teege unter ande­rem ins Konzen­tra­ti­ons­la­ger in einem Vorort von Krakau, wo ihr Groß­va­ter als „Schläch­ter von Plas­zow“ bekannt war. Seine Darstel­lung im Film „Schind­lers Liste“, in dem er von seinem Balkon aus will­kür­lich mit dem Gewehr auf Häft­linge schießt, soll der histo­ri­schen Wahr­heit entsprechen.

Die Groß­mut­ter
Die Villa stand direkt neben dem Lager. Unmög­lich auch, dass ihre Groß­mut­ter, die damals dort als Göths Geliebte mit ihm dort wohnte, nicht wusste, was vor sich ging. Umso schmerz­haf­ter ringt Teege daher mit ihrer Erin­ne­rung an die einzige liebe­volle Bezie­hung, an die sie sich in ihrer frühen Kind­heit erin­nert, die zu ihrer Groß­mut­ter Ruth Irene, die sich noch nach Amon Göths Verur­tei­lung und Hinrich­tung per Amt seinen Namen geben ließ. Unvor­stell­bar, dass die Groß­mut­ter, an die sie sich erin­nert, in einem Inter­view noch im Alter Sätze sagte, wie „Mein Göth war König. Ich war Köni­gin. Wem hätte das nicht gefallen?“.

Befrei­ende Ausein­an­der­set­zung
Jenni­fer Teeges Geschichte steht, wenn auch in extre­mer Form, stell­ver­tre­tend für viele ihrer Gene­ra­tion, die nicht wissen, was ihre Groß­el­tern während des Natio­nal­so­zia­lis­mus wirk­lich erlebt und gemacht haben, sei es als Opfer, Täter oder Mitläu­fer. Ihre Ausein­an­der­set­zung mit dem Thema hat etwas Befrei­en­des. Veröf­fent­licht wurde Jenni­fer Teege, Nikola Sell­mair, „Amon. Mein Groß­va­ter hätte mich erschos­sen“ 2014 bei rororo.
Zurück zum Blog