Trinkgeld macht sexy

Die Kinder verän­dern sich“, sagt die erfah­rene Horter­zie­he­rin auf dem Schul­hof zu mir und blickt etwas wehmü­tig auf die lebhaf­ten Erst-und Zweit­kläss­ler, die etwas entfernt vor sich hin toben. „Sie drehen sich immer stär­ker nur um sich. Jeder will das Alpha-Tier sein.“ Da fällt es schwer, an die Gemein­schaft zu denken oder daran, wie sich der Andere fühlt. Ein gesell­schaft­li­cher Trend, meint sie, der hier zu spüren ist.

Soli­da­ri­tät gefragt
Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich weiß, dass ich solche Gedan­ken auch manch­mal habe. Viel­leicht ist es auch das Alter, das die nost­al­gi­sche gefärbte Sehn­sucht nach Soli­da­ri­tät aufkom­men lässt, schließ­lich werde ich sie demnächst oder zumin­dest in 20 oder so Jahren brau­chen. Und was, wenn dann niemand da ist, der sich um die kümmert, die nicht mehr höher, schnel­ler, weiter, schö­ner können? Und wie bringt man Kindern über­haupt Empa­thie nahe, das sich Einfüh­len in den Ande­ren, das ihr Verhal­ten lenken könnte?

Zuhö­ren, um zu verste­hen
Bücher über andere Zeiten oder das Leben in ande­ren Kultu­ren oder sozial schwä­che­ren Schich­ten lesen, ist viel­leicht eine Möglich­keit. In ihrem Buch „Geret­tete Worte: Reise zu Chinas verlo­re­ner Gene­ra­tion“ schreibt die chine­si­sche Jour­na­lis­ten Xinran die Lebens­ge­schich­ten ganz norma­ler Menschen auf, die die Kultur­re­vo­lu­tion und den Aufbau des moder­nen China miter­lebt und mitge­tra­gen haben. Entstan­den ist ein faszi­nie­ren­des Porträt einer Gene­ra­tion, für die das Schwei­gen normal und über­le­bens­wich­tig war. Die Gemein­schaft war alles, das Indi­vi­duum nichts, aus unse­rer Sicht ein Extrem, das wir uns kaum vorstel­len können. Bei der Recher­che für das Projekt hatte die Auto­rin chine­si­sche Studen­ten und Studen­tin­nen einge­bun­den. Während die Groß­el­tern­ge­ne­ra­tion häufig der Ansicht war, niemand, schon gar nicht die Jungen, inter­es­sier­ten sich für ihre Geschichte, zeigte die Bewer­tung dieser Erfah­rung durch die Studie­ren­den etwas ganz Ande­res. Sie waren über­rascht von vielen der in den offi­zi­el­len Geschichts­bü­chern totge­schwie­ge­nen Fakten und Lebens­er­fah­run­gen und hatten das Gefühl, Einstel­lun­gen und Hand­lun­gen ihrer Eltern und Groß­el­tern viel besser einord­nen zu können.

Kaufen um des Verkäu­fers willen
In diesem Sinne ist Xinrans Ziel, Verständ­nis für die Groß­el­tern­ge­ne­ra­tion zu erzeu­gen, aufge­gan­gen ist. Durch das Erzäh­len der Geschich­ten werden Verste­hen und Empa­thie erst über­haupt möglich. In diesem Buch weist die Auto­rin auch auf den Fakt hin, dass in China – wie in sehr vielen Ländern – immer mehr Menschen in städ­ti­schen Ballungs­räu­men leben. Und sie verweist auf einen in China übers Inter­net veröf­fent­lich­ten „Knigge für Städ­ter“. Aus der Liste der Empfeh­lun­gen blieb mir Folgen­des in Erin­ne­rung: „Wenn jemand am Abend an der Straße sitzt und nur noch sehr wenig zu verkau­fen hat, kaufen Sie es, denn dann kann er oder sie nach Hause gehen.“ Das ist nichts Ande­res als sich zu über­le­gen, was das, was er tut, oder das, was ich tue, für den Ande­ren bedeu­tet. Bett­lern soll man laut dieses Knigge über­haupt, wenn möglich, etwas geben. Denn, wer – so die Frage - steht schon an der stau­bi­gen Stra­ßen­kreu­zung und versucht etwas Geld rein­zu­be­kom­men, wenn er eine Alter­na­tive hätte?

Nach­hilfe in Empa­thie
Konkrete Geschich­ten sind grund­sätz­lich wirkungs­voll, um unse­rer Empa­thie auf die Sprünge zu helfen. Das zeigt sich zum Beispiel in dem groß­ar­ti­gen Werbe­spot einer Firma für Kommu­ni­ka­tion, in dem ein alter Mann mit einem Schild zu sehen ist, auf dem steht: „Bin blind, bitte helfen Sie.“ Viele Leute eilen an ihm vorbei, bis eine Frau einen Stift nimmt und seinen Text durch einen ande­ren ersetzt. Erstaunt bemerkt der Bett­ler, wie viel Geld plötz­lich in seinen Hut klim­pert. Die Kamera schwenkt auf das Schild: „Es ist ein wunder­schö­ner Tag, aber ich kann ihn nicht sehen.“

Über einer Tasse in einem Café bei uns im Vier­tel hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Trink­geld macht sexy“. Und tatsäch­lich habe ich mir vor kurzem in der S-Bahn den Mann näher ange­schaut, der als einzi­ger den Sinti-Musikanten etwas Geld in den Becher fallen ließ. Zurück zum Blog